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Im Notdienst wird nach Dringlichkeit behandelt. Foto: fotolia | DoraZett

Wie in vielen Krankenhäusern arbeitet auch der Notdienst der Tierklinik Ismaning häufig an der Belastungsgrenze. „An vielen Wochenenden müssen wir binnen 24 Stunden bis zu 100 Notfallpatienten versorgen“, erzählt Tierärztin Dr. Elisabeth Beuttel, die sich mit ihren Kolleg*innen in der Notaufnahme abwechselt. Manchmal ist der Ansturm so hoch, dass die Klinik sogar einen Aufnahmestopp für die Hunde- oder Katzenstation verhängen muss. Das Problem: „Nur etwa jeder fünfte Patient im Notdienst ist ein echter Notfall, der stabilisiert und erstversorgt werden muss.“ Der große Rest der Tiere wird vorbeigebracht, weil dem Halter ein Samstag oder Feiertag zeitlich besser passt, um hartnäckige Beschwerden abklären zu lassen. Freilich ist es für Laien oft schwer zu beurteilen, ob eine Behandlung nicht bis zum nächsten Werktag warten kann. „Da kann aus Sicht des Patientenbesitzers selbst die Entfernung einer Zecke wichtiger werden als ein Krampfanfall“, sagt die Tierärztin.

Mehrheit der Patienten ist kein Notfall

Das hat Konsequenzen: Die Wartebereiche sind voll mit Patienten, die zwar behandlungsbedürftig sind, aber keine sofortige medizinische Hilfe benötigen. Mit der steigenden Zahl an Wartenden und der immer länger werdenden Wartezeit nimmt der Stress für die diensthabenden Tierärzt*innen enorm zu, und so ist es oft für sie nicht möglich, eine Pausenzeit einzuhalten. Außerdem ist die Erwartungshaltung der Tierhalter im Notdienst oftmals unrealistisch. Zum Beispiel gehören Hot Spots eigentlich nicht in den Notdienst. „Die akute Entzündung zu behandeln und den Juckreiz zu lindern ist natürlich wichtig, aber die zugrundeliegende Ursache kann nur ein*e Fachkolleg*in finden“, erklärt Notärztin Beuttel. Auch bei stets wiederkehrenden Krankheitszeichen sei es sinnvoller, für das Tier einen Termin bei einem*r der Fachärzt*innen zu vereinbaren. Wenn ein Hund immer wieder Durchfall hat, ansonsten aber munter, aktiv und verspielt ist, ist er in der internistischen Sprechstunde besser aufgehoben als Sonntagabend in der Notaufnahme.

Dr. Elisabeth Beuttel arbeitet regelmäßig in der Notaufnahme der Tierklinik Ismaning. Foto: www.photogenika.de

Zu den regulären Öffnungszeiten hat der*die entsprechende Spezialist*in genug Zeit für umfangreiche Diagnostik und Therapie und kann in komplizierten Fällen Kollegen anderer Fachbereiche hinzuziehen. Hinzu kommt: Viele Untersuchungen werden auch von den Fremdlaboren nur wochentags durchgeführt.

Aufgabe unseres Notdienstes ist es, die notfallmedizinische Betreuung für Hunde, Katzen und Heimtiere sicherzustellen. Daher werden echte Notfälle, also Tiere mit akuten Blutungen, Krampfanfällen, Lähmungen, instabilem Kreislauf, Vergiftungen und Atemnot, grundsätzlich vorgezogen. „Behandelt wird nach Dringlichkeit“, erklärt Dr. Elisabeth Beuttel. Hunde etwa, die durch unproduktives Würgen und aufgeblähten Bauch auffallen, schickt sie sofort zum Röntgen: Verdacht auf Magendrehung. Andere Tiere, die, weil sie einmal erbrochen haben, von besorgten Haltern schwanzwedelnd und munter in die Klinik gebracht werden, rücken auf der Prioritätenliste nach hinten. Keine Lebensgefahr! Sie müssen mit langen Wartezeiten rechnen. Auch wenn dies ärgerlich ist. „Wenn ein Notfall den nächsten jagt, also die Vergiftung auf den Autounfall und den Atemstillstand folgt, müssen wir Patienten, deren Behandlung sich verschieben lässt, nach einer Notfallabklärung sogar weiterschicken“, bedauert Dr. Elisabeth Beuttel.

Nicht-Notfälle werden symptomatisch behandelt

Was viele Tierbesitzer nicht wissen: Bei Vierbeinern, deren Zustand nicht lebensbedrohlich ist, ersetzt die Notaufnahme meist nicht den erneuten Gang zum Tierarzt. Denn im Notdienst besteht in der Regel keine Zeit, um chronische Krankheitsursachen vollständig abzuklären. Das würde zu viele Ressourcen binden, die dann für Tiere fehlen würden, deren Behandlung keinen Aufschub duldet.

Patienten mit weniger ernsten Gesundheitsproblemen werden – wie in der Notfallambulanz der Krankenhäuser auch – symptomatisch behandelt. Je nach Beschwerdebild legt der diensthabende Arzt dann eine Infusion oder verabreicht Schmerzmittel, Kohletabletten oder Antibiotika – und bestellt den Patienten zur weiteren Diagnostik und Behandlung erneut in die Sprechstunde eines unserer Fachtierärzte. „Wenn ein Tier wegen chronischer Lahmheit vorstellig wird, können wir am Wochenende auf ein CT verzichten. Handelt es sich dagegen um eine akute Lähmung wie bei Bandscheibenvorfällen, dann wird das notdiensthabende OP-Team auch nachts mobilisiert, um eine Computertomographie und die unmittelbar anschließende Bandscheibenoperation durchzuführen, die eine Querschnittslähmung verhindert“, erklärt Dr. Elisabeth Beuttel.

Echte Notfälle haben im Notdienst grundsätzlich Vorrang. Foto: fotolia | chalabala

Der Personal- und Kostenaufwand als auch die Logistik für den Notdienstbetrieb sind enorm. Für diese Sonderschichten erhalten unsere diensthabenden Tierärzt*innen und Helfer*innen selbstverständlich Zuschläge, die sich in höheren Behandlungssätzen niederschlagen müssen und je nach Aufwand und Uhrzeit das bis zu Dreifache der Gebührenordnung betragen. Entsprechende Notdienstgebühren fallen auch bei der Abgabe von Medikamenten an. Laut Gesetzgeber dürfen wir diese nur aushändigen, wenn das Tier vorher von einem (Not-)Arzt untersucht worden ist. Auch bei Futterabholung im Notdienst berechnen wir daher – wie eine ganz normale Apotheke auch – Notdienstaufschläge.

„Wer an Werktagen tagsüber mit einem akut lebensbedrohlichen Notfall in unsere Klinik kommt wird selbstverständlich sofort versorgt. Alle anderen Patienten ohne Termin sollten sich auf Wartezeiten einstellen, bis ein Zeitfenster in der Sprechstunde frei wird“, sagt Dr. Elisabeth Beuttel. Denn Kunden mit festem Termin müssen nicht warten, bis lebensbedrohlichere Notfälle versorgt sind, und kommen in den Sprechstunden schneller an die Reihe.

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