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Anästhesist Jan Nixdorff nimmt den Oberschenkel des Hundes ins Visier.

Man kennt die Bilder aus Tier-Dokus und Spielfilmen: Der Ranger bzw. Tierpfleger legt ein Narkosegewehr an und betäubt aus sicherer Entfernung den Löwen oder Elefanten. Distanzimmobilisation nennen Veterinäre dieses Vorgehen. Doch nicht nur für Zoo- und Wildtiere, auch für so manches Haustier ist die Narkose auf Distanz ein Segen. „Immer wieder haben Hunde panische Angst vorm Tierarzt und weigern sich unsere Klinik überhaupt zu betreten“, erklärt Anästhesist Jan Nixdorff. „Andere werden richtig aggressiv, sobald man sich ihnen nähert.“ Zum großen Problem wird dieses Verhalten, wenn der Vierbeiner geröntgt oder operiert werden muss und eine Narkose braucht. Manchen Tieren können die Ärzte nicht einmal einen Maulkorb überstreifen, so sehr wehren sie sich gegen jede Berührung. Dabei können sich die Tiere natürlich auch verletzen. Um bei solch schwierigen Patienten eine Betäubungsspritze zu setzen, braucht man in der Regel mehrere Helfer, die das Tier niederringen und festhalten.

Spritze und Kanüle werden u.a. nach Größe und Gewicht des Tieres ausgewählt.

Die Narkose auf Distanz ist hier eine gute Alternative. Nur greift unser Anästhesist dabei nicht zum Gewehr, sondern zu einem ein Meter langen Blasrohr. Und das auch nicht in der Klinik, sondern auf der großen Hundewiese davor. Während der Besitzer seinen Hund krault und streichelt, nimmt der Tierarzt aus ein, zwei Meter Entfernung den Oberschenkel des Tieres ins Visier und sendet mit einem kurzen, kräftigen Atemstoß den Spritzenpfeil auf das nur zwei Quadratzentimeter großes Trefferfeld. Im hinteren Teil der Spritze sorgt dann eine Luftdruckkammer dafür, dass nach dem Treffer das Medikament schonend in den Muskel injiziert wird. „Wie bei vielen Dingen gilt auch hier: Übung macht den Meister“, erklärt Jan Nixdorff, der bereits im Studium den Umgang mit dem Narkosegewehr und Blasrohr gelernt und seitdem in Fortbildungskursen weiter verfeinert hat.

Anästhesist Jan Nixdorff ist sehr geübt im Umgang mit dem Blasrohr.

Für die Patienten bedeutet das: Sie tauschen Panik und Dauerstress gegen eine Schrecksekunde, wenn der Pfeil ihre Haut durchbohrt und sich das Narkosemittel entlädt. Anschließend fällt der Pfeil von allein ab, und das Tier sinkt in Tiefschlaf. Wegen des geringen Stresslevels wirken die Medikamente auch schneller. Danach kann Jan Nixdorff in Ruhe den Venenzugang legen und vorsichtig die weitere Narkose einleiten.

Doch die Distanznarkose hat auch gewisse Nachteile. Stichwort: leicht erhöhtes Narkoserisiko. Normalerweise führt unser Anästhesist im Vorfeld jeder Narkose eine klinische Untersuchung durch und nimmt seinen Patienten Blut ab, um den Gesundheitszustand zu prüfen. Diese wichtigen Schritte müssen bei der Distanzimmobilisation leider entfallen. „Ich bin also auf die Berichte des Besitzers und fremde Unterlagen angewiesen, um mögliche Komplikationen abschätzen zu können und um die Dosierung in der Betäubungsspritze festzulegen“, erklärt Jan Nixdorff. Erst während des Eingriffs kann er dann wie gewohnt die Narkose überwachen und individuell steuern.

PS: Am 6. Juli 2019 bietet unser Anästhesit Jan Nixdorff für Haustierärzte einen Workshop zur Distanzimmobilisation an. Dieser umfasst einen theoretischen Teil und Schießübungen mit dem Blasrohr.

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